UNGEDULD

Montag, eine Tag vor dem Geburtstermin.

Ich ertappte mich bei dem ein oder anderen ungeduldigen Gedanken. Eine Geburt? An diesem Tag weit und breit nicht in Sicht. Keine Senkwehen, kein Druck wie die Wochen zuvor. Ich dachte, sicher kommt sie wie ihre Schwester eine Woche „zu spät“. Am Abend ging mein Mann früh ins Bett und ich lies mir ein Bad ein, vielleicht konnte ja die heiße Wanne mein Bauch-Mädchen ein bisschen motivieren, dachte ich. So entspannt war ich schon lange nicht mehr.

Die Vorfreude der letzten Wochen wich einer Ungeduld, die ich die Tage zuvor schon mit unserer Doula Daniela besprochen hatte. Da wir unsere 7jährige Tochter Chiara mit zur Geburt ins Geburtshaus nehmen würden, war auch sie seit Tagen aufgeregt und fragte immer wieder, wann es denn nun endlich passiert..

An diesem lauen Abend, den 31. September stieg ich aus der Wanne und drehte noch eine Runde an der frischen Luft, während ich meiner Doula eine Whatsapp schickte, dass sie beruhigt schlafen könne, da sich sicher noch nichts tut. Ein paar Atemübungen noch auf meiner Yogamatte – dachte ich – dann gehe ich auch schlafen. Es war jetzt 21 Uhr.

Und so saß ich auf der Terasse, vor meiner Kerze und atmete tiiief ein, als es… „plopp“ in meinem Bauch machte und schon war die Lammfellmatte nass. Ich brauchte ungefähr 3 Sekunden um zu verstehen, was das jetzt heißt. Aufgeregt sprang ich auf und lief zur Terassentür, um meinen Mann zu rufen, der ja schon schlief. Unsere Hebamme Inge, die wir 1 Minute später am Telefon hatten, meinte: „ok super, jetzt brauchen wir nur noch Wellen. Macht euch doch einfach einen schönen Abend, wir werden ja sehen was die nächsten Stunden bringen“

Völlig überrascht von der vollkommenen Ruhe, die sie ausstrahlte, machte ich es mir zusammen mit Doula Daniela auf der Couch bei einer Tasse Tee gemütlich, und sie hörte meinen Bauch mit dem Hörrohr ab. Chiara schlief noch und wir beschlossen sie erst zu wecken, wenn wir starten würden. Die Wellen kamen nun langsam und ziemlich knapp hintereinander, alle 5 Minuten etwa. Noch waren sie sehr gut zu veratmen. Eine Zeit lang überlegte ich heimlich, ob ich diese Geburt nicht zuhause perfekt alleine durchziehen könnte. Natürlich ersparte ich meinem Mann Marco diesen Schock.

 

Um 24 Uhr begannen die Wellen kräftiger zu werden, dauerten 1 Minute und kamen im Abstand von 3-4 Minuten. Ich musste mich stärker konzentrieren, aber durch die Wellenatmung – die ich im Hypnobirthing Kurs gelernt hatte – konnte ich sehr gut damit umgehen. Bisher hatte ich nicht den Drang verspürt, aufzubrechen. Und obwohl vor uns eine Fahrt von einer Stunde lag, zögerte ich noch. Nach einem Teller Erbsensuppe wollte ich Chiara wecken und war bereit loszufahren. Um 1 Uhr starteten wir.

Die Wellen wurden im Auto noch stärker, ich hörte meine Affirmationen über Kopfhörer und konzentrierte mich nur auf die Atmung. So blieb ich in Kontakt mit meinem Baby und die Fahrt verging wie im Flug. Als wir im Geburtshaus ankamen, kamen die Wellen alle 2 Minuten. Sobald ich das Geburtszimmer betreten hatte, und unsere Hebamme die Herztöne von unserem Mädchen gecheckt hatte, konnte ich so richtig loslassen.

Das waren die einzigen 10 Minuten in denen ich ein CTG umhatte. Chiara und Daniela gestalteten liebevoll die Umgebung im Geburtszimmer mit Wunschkarten und Bildern, auch Affirmationen erinnerten mich daran, loszulassen, mich der Geburtskraft hinzugeben und mich auf unser Baby zu freuen.

Bei einem Blessingway 2 Wochen vorher hatten meine Freundinnen ein Perlenarmband gestaltet und mit je einem persönlichen Wunsch für die Geburt versehen, um mich durch die Geburt zu begleiten und zu stärken.

Die Geburtskerze und das gedimmte Licht machten eine ganz warme, heimelige Atmosphäre. Die Wellen wurden schnell  stärker. Hebamme Inge lies mir ein Bad ein und fast eine Stunde entspannte ich mich dort, umgeben von meinem Mann Marco und unserer Tochter, die mich liebevoll streichelten und unterstützen.

Wir hatten seit Wochen das „Ankern“ geübt, bei dem eine Berührung an meiner rechten Schulter eine totale Entspannung auslösen konnte, was mir nun immer wieder half, während den Wellen nicht unbewusst den Atem anzuhalten und locker zu lassen. Ich hielt mein Becken in Bewegung, was mir während der Wellen etwas Erleichterung brachte. Diese Phase kostete mich jedoch viel Kraft. Es war eine Phase, in der ich mich wie benebelt abwechselnd über die Affirmationen lustig machte und die Wellen lautstark vertönen musste.

Der Geburtscocktail aus körpereigenen Hormonen und Schmerzmitteln ließen mich alles wie in einem Nebel – fast wie im Traum – wahrnehmen und doch kann ich mich an jede einzelne Sekunde und Empfindung erinnern.

Um 3.15 Uhr verließ ich die Wanne. Inge fragte mich, in welcher Position ich mein Baby gebären wollte und instinktiv ging ich in die Hocke. Hinter mir saß Marco und stütze mich. Chiara und Daniela saßen vor mir auf dem Boden, sozusagen in der ersten Reihe. Die Stimmung war sehr vertraut und voller (Vor-)Freude. Unsere Hebamme ließ mich völlig frei meinen Impulsen folgen, und half mir bloß, immer wieder meinen Atemrhythmus zu finden.

In der Hocke fühlte ich, wie sich unser Baby durch das Becken schob. Nun schrie ich auch bei jeder Welle lauthals mit, um diese Kraft & Druck auszudrücken. Unsere Tochter Chiara war gut auf die Geburtskraft vorbereitet worden und in einem Moment der Unsicherheit (als ich etwas lauter wurde) lenkte Doula Daniela wieder in eine positive Richtung: „Ja super, genau das brauchen wir jetzt, damit deine Schwester auf die Welt kommt. Kraft. Jawoll, je lauter desto besser“

Marco musste lachen, denn von nun an meinte Chiara auch „Super Mama, bald hast du es geschafft“ 🙂

Als ich selbst das Köpfchen fühlte, waren wir nur noch ein paar Wellen davon entfernt, unser Baby endlich in die Arme zu schließen. Um 4.33 Uhr – nur zweieinhalb Stunden nach unserer Ankunft im Geburtshaus – atmete ich unser zweites Kind in diese Welt. Wir empfingen sie in einer liebevollen Atmosphäre mit Kerzenlicht und leiser Musik. Überglücklich und erschöpft konnten wir diesen heiligen Moment ganz für uns genießen.

 

Gewogen, gewaschen und selbst angezogen wurde erst ganz in Ruhe am nächsten Tag. Ich bin sehr dankbar für diese natürliche wunder-volle Erfahrung der Geburt. Und auch nach anfänglichen Zweifeln und negativem Feedback aus dem Umfeld kann ich nur sagen, was für eine wunderschöne Erfahrung eine Geburt auch für ein Geschwisterkind sein kann. Für uns war es eine heilsame und stärkende Erfahrung als Mutter und Tochter. Und als Familie.

Noch etwas benommen und sichtlich „high“ vom körpereigenen Geburtscocktail ist der Raum erfüllt von Freude, Lachen und Wunder. Das war übrigends auch der erste Moment indem ich meine Freundin, die Fotografin wahrgenommen habe. 

DU BIST DA.

DU BIST IN DIESE WELT GEBOREN, MEIN SCHATZ.

IN UNSER ARME, UNSERE MITTE.

HIER IST NUN DEIN PLATZ.

Diesen heiligen Moment konnten wir ausgiebig für uns allein genießen. Gewaschen, angezogen, gewogen und so weiter wurde erst am nächsten Tag.

Wir sind zusammen gewachsen und zusammengewachsen.

Ich wünsche jeder einzelnen Frau auf der Welt, dass sie sich und ihrer Familie eine natürliche und entspannte Geburt ermöglicht und ein Leben lang dankbar und freudevoll an dieses Wunder zurückdenkt.

 

DIES IST AUCH DER GRUND WARUM ICH UNSERE GESCHICHTE MIT DIR TEILE.

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